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In Deutschland erleiden jedes Jahr ca. 260.000 Menschen einen Schlaganfall. Nach prognostischen Berechnungen wird damit gerechnet, dass sich die Häufigkeit von Schlaganfällen in Deutschland bis zum Jahr 2050 etwa verdoppeln wird. Innerhalb eines Jahres nach einem Schlaganfall versterben ca. 30% der betroffenen Patienten; und von den Überlebenden bleiben ca. 70% dauerhaft behindert. Damit stellt der Schlaganfall die mit Abstand häufigste Ursache einer bleibenden Behinderung im Erwachsenenalter dar.


Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, sich dem wachsenden Problem akuter Schlaganfälle konsequent zu stellen und wirksame Strategien zur Schlaganfallvermeidung zu entwickeln.

Eine der häufigsten Schlaganfallursachen ist das sogenannte Vorhofflimmern, eine spezielle Form von Herzrhythmusstörungen. Gemäß aktuellen Studienergebnissen wird jeder vierte bis fünfte Schlaganfall durch Vorhofflimmern verursacht.
Bei dieser Art von Herzrhythmusstörungen können sich die Herzvorhöfe nicht mehr mit jedem Herzschlag ordnungsgemäß zusammenziehen und können daher nicht in dem erforderlichen Maße Blut in die Herzkammern weiterleiten. Dies führt dazu, dass sich besonders im linken Herzvorhof Blutgerinnsel bilden können, welche ohne erkennbaren Anlass mit dem Blut vorgerissen und ins Gehirn gespült werden können. Wenn diese Gerinnsel im Gehirn eine Schlagader oder einen Schlagaderast verstopfen, kommt es zu einem akuten Schlaganfall.

Viele Menschen haben Vorhofflimmern, ohne dass sie etwas davon ahnen. Ein unregelmäßiger Herzschlag, die sogenannte absolute Arrhythmie, sowie Attacken von Herzrasen können auf Vorhofflimmern hinweisen und sollten unbedingt beim Arzt abgeklärt werden. Häufig bleiben die Herzrhythmusstörungen aber unbemerkt – eine stille Gefahr.
Ca. 1-2 % der europäischen Normalbevölkerung weisen Vorhofflimmern auf.
Männer sind etwa 40% häufiger betroffen als Frauen, und das Risiko steigt mit zunehmendem Alter deutlich an. Jeder 4. Europäer, der seinen 40. Geburtstag feiert, wird im späteren Leben Vorhofflimmern entwickeln.
Bleibt das Vorhofflimmern unentdeckt und deshalb unbehandelt, tragen die betroffenen Menschen ein ca. 5-fach erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Abhängig vom Alter, dem Geschlecht, evtl. weiterer Herzerkrankungen, bestimmter Gefäßrisikofaktoren und evtl. bereits in der Vergangenheit erlittener Schlaganfälle variiert das Schlaganfallrisiko ganz erheblich und beträgt bei einzelnen Personen bis zu 18% pro Jahr!
Schlaganfälle durch Vorhofflimmern sind zudem meist größer und schwerer als Schlaganfälle anderer Ursache. Ein Drittel der Betroffenen verstirbt binnen 30 Tagen nach dem Schlaganfall, jeder Zweite verstirbt innerhalb eines Jahres. Und die meisten Überlebenden bleiben dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen.

Ein unregelmäßiger oder ungewöhnlich schneller Pulsschlag oder Herzstolpern können bereits erste Hinweise auf Vorhofflimmern sein.
Der Nachweis von Vorhofflimmern gelingt in der Regel mit einer EKG-Untersuchung. Doch Vorsicht: bei vielen Patienten tritt Vorhofflimmern nur für kurze Zeit auf und verschwindet zwischendurch von selbst. Ein EKG zur falschen Zeit kann hier in die Irre führen. In diesen Fällen gelingt es häufig mit einem Langzeit-EKG über 24 Stunden oder über mehrere Tage, auch vorübergehende Vorhofflimmerepisoden zuverlässig zu erkennen.
Um das Risiko für Schlaganfälle bei Patienten mit Vorhofflimmern zu senken, stehen heute gleich mehrere sehr wirksame Medikamente zur Verfügung. Durch Einnahme blutverdünnender Medikamente, sogenannter oraler Antikoagulanzien, kann das Schlaganfallrisiko um mehr als 60% gesenkt werden! Doch leider ist in Deutschland nur ein geringer Anteil der Betroffenen adäquat behandelt, selbst wenn Vorhofflimmern festgestellt wurde! In einer Berliner Studie waren von 254 Patienten, die bei bekanntem Vorhofflimmern wegen eines Schlaganfalls ins Krankenhaus eingeliefert wurden, vor der Krankenhausaufnahme nur 16 % mit oralen Antikoagulanzien behandelt. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 84 % der Betroffenen keine adäquate Blutverdünnung eingenommen haben, obwohl bei ihnen Vorhofflimmern bekannt war. Und selbst nach einem Schlaganfall sieht es nicht viel besser aus. In der oben genannten Berliner Studie waren von jenen Patienten, die bei bekanntem Vorhofflimmern bereits in der Vergangenheit einen Schlaganfall erlitten hatten und nun mit einem zweiten Schlaganfall wieder ins Krankenhaus eingeliefert wurden, nur 28 % mit einer adäquaten Blutverdünnung behandelt. Dies ist umso ernüchternder, da seit vielen Jahren die Behandlungsleitlinien der zuständigen Fachgesellschaften eine sehr deutliche Empfehlung für den Einsatz oraler Antikogulanzien bei Patienten mit Vorhofflimmern geben.

Einer der wichtigsten Gründe, warum in Deutschland Patienten mit Vorhofflimmern nicht antikoaguliert werden, ist die Sorge vor Blutungskomplikationen durch die Medikamenteneinnahme. Diese Sorge ist zwar berechtigt, da in der Tat bei Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten die Wahrscheinlichkeit von inneren Blutungen oder Hirnblutungen höher ist. Allerdings überwiegt in der Regel der Nutzen einer solchen Behandlung, also der Schutz vor Schlaganfällen, bei weitem die Risiken einer relevanten Blutung. Nur bei ausgewählten Patienten mit Vorhofflimmern gibt es gute Gründe, von einer blutverdünnenden Behandlung abzusehen.

Bei Patienten mit Vorhofflimmern kommt es im Wesentlichen darauf an, zügig eine wirksamere und sichere Behandlung einzuleiten. Die Wahl des individuell am besten geeigneten Medikamentes ist dabei zweitrangig und erfolgt in der Regel unter Berücksichtigung eventueller Begleiterkrankungen und anderer Medikamente. In den letzten 5 Jahren sind in Deutschland gleich drei neue sehr gute blutverdünnende Medikamente auf den Markt gekommen, welche als Alternative zu den seit vielen Jahren verwendeten Vitamin K-Antagonisten zur Verfügung stehen. Alle neuen Antikoagulanzien weisen im Vergleich zu Vitamin K-Antagonisten ein günstigeres Nutzen-Risiko-Profil auf und werden zunehmend häufiger verordnet.

Wirken können diese Medikamente aber natürlich nur, wenn sie auch regelmäßig und dauerhaft eingenommen werden. Und hier haben wir ein ernstes Problem: denn leider werden Antikoagulanzien häufig nicht dauerhaft eingenommen und nach einiger Zeit wieder abgesetzt. Zwei Jahre nach einem Schlaganfall nehmen nur noch ca. 45% der Patienten mit Vorhofflimmern regelmäßig orale Antikoagulanzien ein, obwohl dies dauerhaft notwendig wäre – sie bleiben schutzlos einem hohen Risiko für erneute Schlaganfälle ausgesetzt.

Wenn es gelingt, Vorhofflimmern frühzeitig zu erkennen und konsequent und dauerhaft mit modernen und sicheren Medikamenten zu behandeln, haben wir einen sehr großen Schritt getan um der prognostizierten Zunahme von Schlaganfällen in Deutschland wirksam zu begegnen.

Priv.-Doz. Dr. med. Michael Rosenkranz, Chefarzt Neurologie, Albertinen-Krankenhaus